Anfang der Woche gab es einen dieser Momente, der auf den ersten Blick nicht sehr besonders aussah, aber dann sehr emotional war.
Die Maus hatte ihre erste „Schulstunde“. Zuckertütenclub nennt sich das in ihrer Schule. Einmal im Monat treffen sich die Kinder, die bald eingeschult werden, betreten die Räume, die schon bald zu ihrem neuen Alltag gehören werden, lernen sich kennen, beobachten sich, tasten sich vorsichtig aneinander heran. Auch die Lehrer schauen hin, nehmen wahr, spüren vielleicht schon, welche Dynamiken entstehen könnten, wer wo seinen Platz findet.
Ich finde diese Idee so wertvoll, gerade weil sie etwas abfedert, das sonst oft mit Unsicherheit verbunden ist. Dieses große Unbekannte namens Schule wird Stück für Stück greifbar, verliert ein wenig von seinem Gewicht, wird zu etwas, das man fühlen kann, bevor es wirklich beginnt.
Mit ihrem Ranzen, der plötzlich gar nicht mehr nur ein Gegenstand war, sondern ein Symbol für alles, was vor ihr liegt stand sie da. Sie trug ihn mit diesem Stolz, der so typisch ist für Kinder in genau solchen Momenten – dieses leise „Schau mal, ich kann das jetzt“. Und während ich sie so betrachtete, wurde mir bewusst, dass wir diesen Weg nun wirklich gehen. Nicht mehr irgendwann, nicht mehr in Gedanken, sondern Schritt für Schritt, ganz real.
Es war ein schöner Moment, aber auch einer, der etwas in mir bewegt hat. Vielleicht, weil ich mich gefragt habe, wie sich dieser Weg für sie anfühlen wird. Ob sie sich gesehen fühlt, getragen, ermutigt. Ob sie Erfahrungen macht, die sie wachsen lassen – und nicht solche, die sie klein halten. Vielleicht auch deshalb, weil meine eigenen Erinnerungen an diese Zeit nicht nur leicht waren und ich mir für sie wünsche, dass es anders sein darf.
Und dann stand sie da vor dem Klassenzimmer für diese Stunde. Die Lehrerin fragte „wer traut sich zuerst“ und sie ging los. Selbstbewusst. Stolz. Dann war sie einfach weg. Hat sich im Zimmer einen Platz gesucht und wir, wir haben uns ein bisschen Lost gefühlt. Haben gewartet, damit wir von ihr ein Backup bekommen, dass alles gut ist und wir gehen können. Das war mir sehr wichtig. Ich wäre nie einfach gegangen ohne Tschüss zu sagen.
Einfach im Moment sein
Ein paar Tage später ergab sich eine ganz andere, aber nicht weniger besondere Erfahrung. Ich hatte mir schon lange vorgenommen, im letzten Kitajahr der Maus einmal bei einem Ausflug dabei zu sein. Es war einer dieser Gedanken, die immer wieder auftauchen und die doch so oft auf später verschoben werden. Diesmal habe ich ihn nicht weitergeschoben, sondern einfach umgesetzt.
Vielleicht lag es auch daran, dass sich gerade so vieles im Umbruch befindet. Dass ich nicht weiß, wie meine nächsten Wochen aussehen werden, ob ich wieder täglich ins Büro fahren werde, ob sich diese Freiheit, die ich im Moment habe, wieder verändert. Und so hatte dieser Ausflug für mich nicht nur etwas von „Dabei sein“, sondern auch von bewusstem Erleben.
Es war anstrengend, keine Frage. Man ist ständig aufmerksam, hat alle Kinder im Blick, zählt, beobachtet, reagiert. Es gibt keinen Moment, in dem man wirklich abschaltet. Und doch war da gleichzeitig etwas, das sich kaum beschreiben lässt, wenn man es nicht selbst erlebt.
Diese Energie der Kinder.
Jeder von ihnen nimmt die Welt auf seine eigene Weise wahr, jeder folgt seinen eigenen Impulsen, und doch sind sie alle vollkommen im Hier und Jetzt verankert. Es gibt kein Morgen, das bedacht werden muss, kein Gestern, das nachwirkt. Nur diesen einen Moment.
Und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich genau dort angekommen bin.
Ich habe nicht einmal daran gedacht, mein Handy in die Hand zu nehmen. Kein Bedürfnis, etwas festzuhalten oder zu dokumentieren. Ich war einfach da, habe beobachtet, aufgenommen, gespürt. Es war, als würde ich für ein paar Stunden in eine andere Frequenz eintauchen, in der alles langsamer und gleichzeitig intensiver ist.
Besonders berührt hat mich ein kleiner Moment mit J., der sich ganz leise und selbstverständlich ergeben hat. Er nahm meine Hand, als wäre es das Natürlichste der Welt, und sagte dann, dass ich mich in sein Freundebuch eintragen dürfe. Es war nichts Großes, nichts Spektakuläres, und doch hat es etwas in mir ausgelöst, das ich nicht erwartet hatte. Dieses Vertrauen das er mir entgegengebracht hat, obwohl wir uns sonst nur ein paar Mal in der Kita gesehen haben und hier nun das erste mal ein klein wenig intensiver beisammen waren.
Plötzlich war ich wieder zurück in einer anderen Zeit, bei der Eingewöhnung der Maus nach dem Kitawechsel. Ich sah mich dort sitzen, umgeben von Kindern, die sich neugierig um mich versammelt hatten, hörte meine eigene Stimme, wie ich aus dem Dschungelbuch vorlas, spürte diese besondere Stimmung, die entsteht, wenn Worte beginnen, etwas zu verbinden.
In diesem Moment wurde mir wieder bewusst, wie sehr ich genau das liebe. Dieses Erzählen, dieses Dasein, dieses Eintauchen in Geschichten – nicht nur in ausgedachte, sondern auch in die, die sich ganz real im Alltag entfalten.
Neue Wege
Während sich all diese Eindrücke langsam setzten, lief im Hintergrund mein ganz eigenes Thema weiter. Bewerbungen, Möglichkeiten, Fragen danach, wie es beruflich weitergehen könnte. Ich hatte mich auf eine Stelle als Journalistin in Dresden beworben, und es war eine dieser Situationen, in denen sich etwas einfach stimmig anfühlt.
Die Aufgabe bestand darin, Menschen eine Stimme zu geben, ihre Geschichten sichtbar zu machen, das, was oft zwischen den Zeilen liegt, in Worte zu fassen. Genau das, was mich schon immer fasziniert hat. Ich habe mir vorgestellt, wie ich diese Geschichten aufschreibe, wie sie gelesen werden, wie sie vielleicht jemanden berühren, der sich darin wiederfindet.
Es war mehr als nur eine Bewerbung. Es war eine Vorstellung davon, wie sich Arbeit anfühlen könnte, wenn sie wirklich zu mir passt.
Die Absage kam trotzdem.
Und obwohl ein Teil von mir natürlich enttäuscht war, war da gleichzeitig etwas anderes. Eine Ruhe, die ich so nicht erwartet hätte. Vielleicht, weil ich langsam beginne zu verstehen, dass nicht jede Tür, die sich öffnet oder geschlossen bleibt, etwas über meinen Wert aussagt. Manches passt einfach nicht, auch wenn es auf den ersten Blick so wirkt.
Die Rückmeldung vom Büro in dem ich mich ebenfalls beworben und schon ein Gespräch hatte, ließ noch etwas auf sich warten, hielt mich ein paar Tage in diesem Zwischenraum, in dem noch alles möglich scheint und gleichzeitig nichts sicher ist. Als dann am Freitag auch hier die Absage kam, war es fast schon seltsam, wie wenig es mich erschüttert hat.
Denn zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits etwas anderes angebahnt.
Nach der Welpenstunde, in einem dieser kurzen, unspektakulären Momente zwischendurch, habe ich meine Mails geöffnet, ohne große Erwartungen. Als ich die Nachricht sah, dachte ich zunächst, es sei eine dieser typischen Spam-Mails, die mit großen Versprechen arbeiten und am Ende doch nichts bedeuten.
Erst beim zweiten Lesen wurde mir klar, worum es eigentlich ging.
Ich hatte mich vor einiger Zeit für ein zehnmonatiges Business-Coaching-Programm beworben. Und ich wurde angenommen.
Der erste Impuls war Überraschung, fast schon Ungläubigkeit. Der zweite kam schneller, als mir lieb war: Zweifel. Gedanken, die sofort versuchten, das Ganze wieder kleiner zu machen.
Dass ich doch eigentlich auf der Suche nach einer Anstellung bin. Dass ich keine „richtige“ Unternehmerin sei. Dass vielleicht jemand anderes diesen Platz viel mehr verdient hätte.
Ich stand wirklich kurz davor, abzusagen, einfach um wieder in etwas Vertrautes zurückzukehren.
Doch dann habe ich innegehalten. Habe mich daran erinnert, dass ich nicht jede Angst als Stoppsignal interpretieren muss. Dass sie oft genau dort auftaucht, wo etwas Neues beginnt, etwas, das größer ist als das, was ich bisher kenne.
Also habe ich zugesagt.
Im Nachhinein fühlt es sich fast wie eine Antwort an. Ich hatte mir zuvor die Frage gestellt, ob ich diesen Weg weitergehen soll, ob die Selbstständigkeit wirklich das ist, was ich aufbauen möchte. Und während zunächst eine Absage nach der anderen kam, tauchte plötzlich genau diese Möglichkeit auf.
Für mich ist das kein Zufall.
Es fühlt sich vielmehr an wie ein leiser Hinweis, dass ich genau hier weitermachen darf.
Und so stehe ich jetzt an einem Punkt, der sich gleichzeitig unsicher und richtig anfühlt. Nicht, weil plötzlich alle Zweifel verschwunden wären, sondern weil ich mich entschieden habe, ihnen nicht mehr die Richtung vorgeben zu lassen.
Es ist nicht immer wie es scheint
Parallel dazu hat mich in dieser Woche auch ein Thema begleitet, das mich schon lange beschäftigt: das Aufschieben. Früher hätte ich es einfach als mangelnde Disziplin abgestempelt, hätte versucht, mich selbst stärker unter Druck zu setzen, strukturierter zu werden, konsequenter.
Heute weiß ich, dass es nie so einfach war.
Die Gründe liegen tiefer, oft dort, wo man sie nicht sofort vermutet. Und seit ich begonnen habe, das zu verstehen, hat sich mein Umgang damit grundlegend verändert. Ich arbeite nicht mehr gegen mich, sondern versuche zu erkennen, was gerade in mir passiert, wenn ich ins Stocken gerate.
Genau aus dieser Erfahrung heraus ist auch mein Kurs entstanden, weil ich weiß, wie viele Menschen sich in genau diesem Muster wiederfinden, ohne zu verstehen, warum sie immer wieder an denselben Punkt zurückkehren.
Der kleine Mönch
Und während all diese inneren Prozesse ihren Raum einnehmen, wächst hier ganz nebenbei jemand heran, der uns auf eine ganz andere Weise fordert: Benkei. Unser Akita.
Die Zeit der reinen Welpenspiele neigt sich dem Ende zu, und es beginnt eine Phase, in der es mehr um Lernen, um Struktur, um echte Kommunikation geht. Bei dieser Rasse funktioniert nichts über den Wunsch, zu gefallen. Es geht nicht darum, dass der Hund etwas tut, um Lob zu bekommen, sondern darum, eine Verbindung aufzubauen, die auf Vertrauen und Klarheit basiert.
Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr merke ich, wie sehr sich dieses Prinzip auch auf andere Bereiche übertragen lässt.
Es geht nicht darum, Erwartungen zu erfüllen.
Es geht darum, eine echte Verbindung zu schaffen – zu sich selbst und zu dem, was man tut.
Wenn ich diese Woche zusammenfassen müsste, dann nicht als eine Abfolge einzelner Ereignisse, sondern als eine Bewegung. Eine Bewegung hin zu mehr Ehrlichkeit, mehr Bewusstsein, mehr Vertrauen.